Das Leben schickt mir eine Lehrerin...

Wir warteten am Übergabeort auf Sarah... Sie kam mit einem Tiertransport aus Bulgarien. Ich war mir selbst ganz fremd, zitterte am ganzen Leib und hatte immer wieder Tränen in den Augen. Dann wurde sie mir in die Arme gelegt und ich verlor die Fassung: mich überfluteten Gefühle, als kehrte ein verlorener Teil zu mir zurück! 15 kg Struppigkeit - und wunderschöne bernsteinfarbene Augen schauten verloren in ein weites Nichts.

Die Anweisung hatte gelautet: Schnell ins Auto und nach Hause! Aufpassen, dass sie nicht auskommt...

Sie winselte ununterbrochen, hing beim Spaziergang im Geschirr, als müsste sie eine riesige Postkutsche ziehen und gab Töne von sich, als würde sie misshandelt. Es war herz-zerreißend, und ich fragte mich, ob ich den größten Fehler meines Lebens begangen hatte, sie aus ihrer Heimat gerissen zu haben... Ich wollte ihr ein Zuhause geben, doch sie wollte nur weg!

Noch während der Heimfahrt zeigte sie für einen kurzen Moment unerwartet ihr Wesen... Ein Hund am Straßenrand – sie richtete sich auf der Rücksitzbank neben mir auf und bellte stolz nach draußen, als hätte sie ihr neues Revier längst in Besitz genommen. Dann versank sie wieder in ihrer Unsicherheit.

In einer zerfallenen Scheune war sie aufgefunden worden, geschätzt knappe 2 Jahre alt, wo sie tapfer ihre Welpen – ganz alleine – groß gezogen hatte. Sie wäre samt der Jungen in die Tötung gekommen, hätte sich nicht die Lidia ihrer angenommen.

Diese Frau ist verbunden mit einem Netzwerk aus Tierschützern, die sich um die medizinische Versorgung und die Vermittlung nach Deutschland und Österreich kümmern. Ein Foto der Welpen auf Facebook hatte mich – obwohl ich keinen Welpen wollte – eigenartig berührt, so dass ich Kontakt aufnahm. Einfach mal besuchen, das wäre mein Wunsch gewesen. Der deutsche Nachname rührte von ihrem Mann; so war für mich zunächst nicht erkennbar gewesen, dass sie in Bulgarien lebt... Dieser Weg war für mich absolut zu weit! Lidia blieb jedoch dran und stellte dar, wie es laufen könnte. Ich wiegelte ab und erklärte, ich sei im Grunde auf der Suche nach einem ausgewachsenen Hund... Da schrieb sie von der Mutter dieser Welpen, Sarah, und dass auch sie zu vergeben sei. Es folgte ein Foto: Treffer mitten ins Herz!

So lange hatte ich die Hundefotos des regionalen Tierschutzes durchforscht – gefunden!

Mein Verstand war ein einziges Gegenargument, doch Sarah ließ mich nicht los. Also ging ich Schritt für Schritt... Eine Tiertrainerin dieses Netzwerkes kam auf Besuch, erkundete mich, das Heim, den Gartenzaun, und gab mich „frei“. Wir erledigten die Formalitäten, und ich bekam Anweisung, was mit „Straßenhunden“ zu beachten sei... Ich dachte bei mir, das hab ich im Griff... Ich hab doch so viel Erfahrung: In der Jugend mit meinen Pflegehunden, mit unserem Rottweiler, später mit meinem 60-Kilo-Max, einem Schäfer-Bernersennen-Mischling – bestens erzogen!

Denkste.

Sarah beruhigte sich nur langsam... Sie bekam Globuli gegen die Trauer, wir schliefen die ersten Nächte neben ihrem Hundebett im Wohnzimmer (weil sie nicht mit nach oben wollte), boten einen vertrauensbildenden, klaren Tages-Rhythmus, gingen viel spazieren, damit sie Stress abbauen konnte, und kraulten und spielten, was das Zeug hielt.

Nach ein paar Wochen der erste Übermut: Ich ließ sie von der Leine, damit das endlich alles seine Richtigkeit bekommen sollte – und zack – weg war sie. Mir fuhr der Schmerz durch Mark und Bein, ich schrie ein Stoßgebet zum Himmel – und, Gott sei Dank, lief sie in eine Sackgasse (die Mülltonnen-Station des Kindergartens), wo ich sie einfangen konnte. Ich war komplett „durch“ und geschockt von meiner Dummheit. Da wurde mir klar, ein Welpe wäre wohl die kleinere Herausforderung gewesen...

All mein gutes Erziehungswissen konnte ich in die Tonne treten: Straßenhund – und ein Weibchen... wild, frei, selbstbewusst – schließlich hatte sie sich samt acht gesunden Welpen alleine durchgebracht! Sie brauchte mich nicht.

Selbst unter dem Schnee fing sie – von nun an an einer Schleppleine - mit nur einem Satz alle 50 Meter eine Maus (und verschlang sie mit Haut und Haar, ehe ich nur reagieren konnte).

Während meiner Erziehungsversuche spürte ich die unangenehme Botschaft, als wollte sie sagen: „Du, wenn ich Dich nerve oder für Dich unangenehm bin – kein Problem, ich geh dann lieber und schlag mich allein durch...“ Da stand ich dann, Frau Kontrolletti Karin: ratlos, sauer, traurig – wie ein kompletter Anfänger.

So bezwang ich meine erste Demuts-Prüfung und meldete mich zähneknirschend in der Hundeschule an. Man konnte schöne Fortschritte erkennen, unsere Bindung war klar und gut. Doch wenn es drauf ankam, dann war und blieb die Sarah frei: Eine Jägerin auf alles, was nicht bei 3 am Baum war, einfach unbezwingbar... Selbst nach 18 Monaten konnte sie, aus der soliden Verbundenheit heraus, blitzartig verschwinden, wie es selbst für die Trainer ein Phänomen blieb. Mir wurde prophezeit, dass ich diese Hündin nie würde frei laufen lassen können. Und das fand ich furchtbar. Mein Bild von ausgelassenen Streifzügen durch die Natur – kaputt. Ein Hund dauerhaft an der Leine – für mich wie ein Vogel im Käfig.

Auch kleine Versuche (nur mal kurz auf der Wiese zum Spielen freilassen), mit neuem Vertrauen nach wochenlangen Trainingsphasen, gingen in die Hose. Sie verschwand selten länger als eine Stunde und kam selbständig zurück...

Eine Überzeugung nach der anderen purzelte... Geschirr statt Halsband? – Leckerlis? – niemals!, so ein Schmarrn!... 

Ok... Die Leckerlis wuchsen zu lauwarmen Leberkäs-Würfeln und das leichte Geschirr wurde durch ein solideres ersetzt... Aber egal – ich hätte eine frisch gebratene Schweinshax'n in der Hand halten können: Wenn's sein musste, wand sie sich aus dem spezial-angepassten Geschirr wie eine Kunstturnerin blitzartig frei... und weg war sie wieder.

Das waren Herausforderungen! In mir lauerten alle Reaktionen zwischen Erwürgen bis Aufgeben, sah ich doch einerseits ihre Treue, Selbständigkeit und Geschicktheit, und gleichzeitig sämtliche Gefahren bis hin dazu, dass sie hätte einen Unfall verursachen können – meine Phantasie durchlief sämtliche Horrorszenarien. Gleichzeitig war ich verzweifelt über unsere enge, kastrierte Welt, die uns so scharfe Grenzen setzt!

Was tun? Es ging ja nicht nur um die Spaziergänge, sondern auch um eine versehentlich offenstehende Türe und zunächst unerkennbare Lücken in abgezäunten Arealen... Immer neue Varianten, die meinen Perfektionismus ins Lächerliche zogen!

So erlag ich nach und nach wichtigen Lektionen...

1. Eine fehlerfreie Welt gibt es nicht.

2. Stärker sein heißt noch lange nicht, zu gewinnen.

3. Wahre Liebe lässt frei.

So zogen wir also fortan unsere Runden in bestmöglicher Aufmerksamkeit; meine Augen wurden schärfer und erkannten nun Hasenohren, wo früher nur „Feld“, und Rehe, wo früher nur Horizont zu erkennen war; meine Präsenz wuchs – also nix Ratischratschi, sondern Achtsamkeit; und mein Machtanspruch wich einem „so gut es halt geht“.

In dieser Haltung der Hingabe schoß mir eines Tages beim Spazierengehen, als ich Sarah so beobachtete, eine Frage durch den Kopf:

Was genau ist es, das deinem Hundebeziehungs-Ideal entgegen steht?...

Ok, Sarahs unbezwingbarer Freigeist, ihre Wildheit, ihre Unabhängigkeit!

Und wie schaut es in dir selber aus?...

Da liefen mir die Tränen. Und ich beschloss, mir selbst fortan mehr Spielraum zu gönnen, mein eigenes Wildes anzuerkennen, mich nicht mehr so eisern zu reglementieren, weicher, gütiger und geduldiger mir selbst gegenüber zu sein. Kein leichter, aber der richtige Weg!

Und von diesem Tag an setzte der Wandel ein.

Einige streckenweise Versuche ohne Leine waren nun erstaunlich gut gelaufen. Da plötzlich war es wieder: Zack und weg... Ich schrie „Sarah! Nein!... und...

Sie blieb abrupt stehen, schaute mich an... und kam zurück! Das erste Mal, trotz umgelegtem Jagdschalter! Sie bekam meinen gesamten Hundegutti-Vorrat, plus – ich weiß nicht wie viele – Bussis.

Von diesem Tag an ist sie, seit nunmehr 3 Jahren, nie mehr abgehauen.

Sie hat mich weich gemacht. Sie hat mir gezeigt, das Weibliche lässt sich nicht bezwingen, erziehen, brechen, ohne an Schönheit und Liebe zu verlieren. Vielmehr schließt es sich einem guten, überzeugenden System an, das zuverlässig mit Weisheit, Selbstreflexion und Achtsamkeit agiert.

Noch nie habe ich einen Hund wie Sarah erlebt. Sie ist unbeschreiblich, hört aufs Wort, ist ruhig, aufmerksam, liebevoll, klug, besonnen und fröhlich... Füchse, Hasen, Rehe haben schon unseren Weg gekreuzt – und sie schaut mich nur noch an und hat verstanden: Sie bleibt bei mir.

Es vergeht kein Tag, wo ich dem Schicksal nicht für diese wunderschöne Hundeseele danke – und dafür, dass sie mich geknackt hat.

Karin Probst, 25.11.2020

  • Sarah 1
    Sarah 1
  • P1010003-2
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  • Sarah mit Welpen
    Sarah mit Welpen
  • Abfahrt BG 30-10-15
    Abfahrt BG 30-10-15
  • P1010050
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  • P1010039
    P1010039